Manroland web systems und die Zukunft des Rotationsdrucks: CEO Alexander Wassermann im Interview

Seit Januar 2016 ist Alexander Wassermann Geschäftsführer bei manroland web systems. Anlässlich der World Publishing Expo im Oktober 2016 in Wien haben wir mit Ihm über die Perspektiven seinem Unternehmens als offensichtlich weltweiter Marktleader im Rotations-Offsetmaschinen-Business gesprochen.

Newspaper & Webtech: Vom 10. bis 12 Oktober 2016 fand in Wien die WPE statt. So gut wie alle „Hardware“-Lieferanten waren diesmal nicht dabei – eine drupa war teuer genug, heißt es… manroland web aber schon. Was war der Hintergrund dieser Entscheidung?

Alexander Wassermann: Wir bauen unsere Führungsposition im Rollenoffsetdruck ständig aus – nicht zuletzt weil wir konsequent unseren Kunden zuhören und so Innovationen auf den Markt bringen, die einen interessanten Mehrwert bieten. Deswegen suchen wir auch den Dialog mit den Vertretern der Branche und dafür ist eine Kommunikationsplattform wie die WPE denkbar gut geeignet. Wir wollen aber auch aktiv bei der zukünftigen Ausrichtung dieser Plattform mitgestalten, das geht nur, wenn man „dabei“ ist.

Newspaper & Webtech: Seit Anfang 2016 sind Sie bei manroland web systems. Grundsätzlich ist Ihnen die Druckbranche von ihrer letzten Position bei Bielomatik Leuze ja nicht fremd. Die Systeme sind halt größer, Heavy Metal. Wie haben Sie sich eingewöhnt, was ist anders? Wo ist die besondere Herausforderung?

Alexander Wassermann: Die Herausforderungen für einen Anlagenbauer in der grafischen Industrie sind durchaus ähnlich, damit ist mir der Start bei manroland web systems sicherlich leicht gefallen. Allerdings muss man auch klar sagen, dass der große Bruch 2011/12 auch schon verdaut war bevor ich dazu gestoßen bin. Wir haben die Insolvenz und die damit verbundene Umbruchphase hinter uns gelassen. Wir gehören nach wie vor im Rollenoffset zu den größten Playern der Branche. Da werden auch Erwartungen an uns gestellt. Die Herausforderung ist es diese Erwartungen nicht nur zu erfüllen, sondern weiterhin Trends zu setzen und diese Trends auch zu bedienen. Dafür brauchte es eine neue an die Marktgegebenheiten angepasste Struktur. Es ist ein Balanceakt, der von Jahr zu Jahr sichtbar besser funktioniert. Die Auftragsbücher sind voll. Wir sind heute bis weit ins Jahr 2017 ausgelastet und wir haben schon die ersten Aufträge, die erst 2018 in den Umsatz gehen. Das ist natürlich eine tolle Position trotz eines nach wie vor schwierigen Markts.

Newspaper & Webtech: Im Zeitungsbereich war es zuletzt ja ein hartes Match mit den Kollegen aus Würzburg. manroland web systems hat in letzte Zeit mit der neuen e:line Serie aber auch mit den traditionellen UNIMANs interessante Aufträge verbuchen können. Sie kennen die Zahlen – ist manroland web systems wieder Weltmarkführer im Coldset-Bereich?

Alexander Wassermann: Die reine Betrachtung der Marktanteile bei Neumaschinen ist für unsere Strategie nicht so entscheidend. Diese heißt „führend im Rollenoffset“, das schließt Coldset definitiv mit ein. Der Wettbewerb um die wenigen Aufträge findet jedoch in einem extrem angespannten und sich konsolidierenden Markt statt. Und da versuchen wir durch die Weiterentwicklung unserer erfolgreichen Konzepte, wie die erwähnte e:line Familie oder die Adressierung des digitalen Zeitungsdrucks, uns zu differenzieren. Für die e:line-Baureihen haben wie schöne Beispiele in Kempten oder Bamberg aber auch in Kenia. Kürzlich haben wir noch einen Kunden in Deutschland überzeugen können, mit einem einzigen Falz die gesamte Produktion abzudecken. Insofern heißt es, die richtigen Lösungen bestimmen die Zukunft und den Erfolg für das Neumaschinengeschäft. Schlussendlich bedient dieses Geschäftsfeld jedoch nur mehr einen sehr überschaubaren Markt, wesentlich bedeutender ist die Anforderung aller Zeitungsdrucker ihre Anlagen länger in Produktion zu halten. Hier investieren wir in Lösungen und setzen auf unsere globale Präsenz. Die Erfolge hier bestimmen insgesamt unsere Größe und unseren wirtschaftlichen Erfolg. Und das völlig unabhängig vom Marktanteil.

Newspaper & Webtech: Wo sind momentan geografisch die Hoffungsmärkte im Zeitungsmarkt?

Alexander Wassermann: Wir erleben momentan einen starken Anwachs an Projekten in Europa, die sich allerdings von den Großprojekten des letzten Jahrzehnts unterscheiden. Hier geht es vor allem um die Reduktion von Kapazitäten, um mehr Produktivität und insgesamt um mehr Effizienz. Alle Zeitungshäuser leiden unter sinkenden Auflagen und müssen zielgruppenspezifischer, bald auch individualisiert und regionalisiert produzieren. Zudem werden die Produktionszeiten enger, da viele Verlage auch in anderen Geschäftsfeldern tätig sein müssen, um die Kosten einer großen Anlage tragen zu können – auch hier sind unsere kompakten Zeitungsdruckanlagen die richtige Antwort. Aus Innovationssicht kommen auch Hybridlösungen – also kombinierte Anlagen für variablen und konstanten Content – wieder ins Spiel.

Neben Europa verbuchen wir großer Erfolge in den letzten Jahren in Südamerika, Indien, Afrika und China – hier sind die Märkte für Zeitungen riesig und die Verlage beginnen in höhere Qualität zu investieren, was ihnen eine höhere Auflage und mehr Anzeigenkunden bringt. Ein tolles Beispiel hierfür ist unsere Kunde Nation Media in Nairobi, der durch die Investition in die COLORMAN e:line seine Auflage um ca. 10% steigern konnte.

Newspaper & Webtech: Irgendwann ist Schluss mit Retrofit – tausende alte Zeitungsmaschinen produzieren täglich, und immer noch ist die Zeitung weltweit eine Erfolgsstory. Muss da nicht zwangsweise wieder eine neue Boomzeit für die Maschinenbauer folgen?

Alexander Wassermann: Wir begleiten diese Entscheidung sehr aktiv in den Projekten, stellen dabei aber fest, dass die Kunden in ihren Ansprüchen zur Effizienz alter Anlagen teilweise großzügiger werden. Es gibt in der Zeitung nur mehr selten Druckereien oder Verlage, die sich trauen ihre Auflagen und Produkte im Zeitraum über 5 Jahre hinaus vorherzusehen. Damit wäre eine Aussage zu einer bevorstehenden Boomzeit unseriös. Die Quintessenz ist, dass wir die richtigen Lösungen für diesen wandelnden Markt entwickeln und gemeinsam mit unseren Kunden realisieren.

Ein Maschinenupgrade ist eine echte Alternative zum Kauf einer Neu- oder hochwertigen Gebrauchtmaschine, und ich glaube auch nicht, dass dieser Trend so schnell abreißt. Wobei sich natürlich jede Investitionsart rechnen kann. Zum Beispiel bei einer Erweiterung der Produktpalette: Das Druckhaus bzw. der Verlag kann mit den erweiterten Maschinenmöglichkeiten neue Märkte erobern. Oder bei dem Wunsch nach Senkung der Produktionskosten: Die bisherige Anzahl der Maschinensektionen kann durch eine oder zwei neue, effizientere Anlagen gesenkt werden – bei höherem Produktionssaustoß und geringer Maschinenbesatzung. Zeitung bleibt als Markt also spannend für uns, die wesentlichen Fragen sind: „Welchen Beitrag leistet die vorhandene Maschine? Kann ich nach einem Maschinenupgrade Fixkosten dauerhaft senken oder neue Druckprodukte anbieten?“

Newspaper & Webtech: Zum Illustrations- bzw. Heatsetbereich. Zumindest im oberen Bericht ist manroland web systems Weltmarkführer. Aber wie es vom Mitbewerb heißt „erkauft“ sich manroland die meisten Aufträge… Kann das sein?

Alexander Wassermann: Kein anderer Hersteller kommt heute an Effizienz und Leistungsfähigkeit der großen 64, 80 und 96 Seiten LITHOMAN Anlagen von manroland web systems heran. Der High Volume Offset ist in den letzten 10 Jahren eine echte Alternative zum Tiefdruck geworden. Kostensenkung lautet die zentrale Anforderung. Gerade deshalb benötigte der Illustrationsrollenoffset Innovationen, die mehr Potenzial zur Kostenreduzierung beinhalten als ein paar Prozentpunkte. Wegweisende Konzepte wie die 96-Seiten-Maschine LITHOMAN S waren somit ein konsequenter Technologieschritt in der Folge des zwischenzeitlich rund 15 Jahre andauernden Trends der Produktivitätserhöhung im Rollenoffset durch Formatverbreiterung. Insgesamt sind weltweit rund 400 Maschinen der Baureihe LITHOMAN im stehenden und liegenden Format in Produktion, wovon rund 50 Maschinen eine Bahnbreite von über zwei Meter ausweisen. Das beweist, dass wir den richtigen Weg in diesem Sektor eingeschlagen haben und unsere konsequente Entwicklungsbereitschaft uns heute belohnt. Ich denke es ist damit belegbar, das wir durch Innovation und Technik überzeugen und es nicht notwendig haben uns Markt zu erkaufen.

Newspaper & Webtech: Die 96-Seiten Rotationen, sicher ein Erfolgsstory. Aber offensichtlich nur in Deutschland bzw. Zentraleuropa. Warum eigentlich?. Es müsste ja auch anderswo die Auflagen geben und somit einen Markt….

Alexander Wassermann: Die 96-Seiten High Volume Maschine ist in den letzten zum Verkaufsschlager der Druckereien in Europa geworden. Zahlreiche große Unternehmen haben sich für diese Anlagen entschieden und das gleich mehrmals, um sowohl die Flexibilität enorm zu steigern aber vor allem die Produktivität anzukurbeln und die Cost-per-Copy massiv zu senken – eine Investition, die von vielen Werbekunden – vor allem im Beilagengeschäft – dankend angenommen wurde und sich jetzt auszahlt.

Dieses Geschäftsfeld ist vor allem in Deutschland bzw. Zentraleuropa in den letzten Jahren groß geworden. In anderen Ländern können wir diesen Boom bislang nicht so verzeichnen. Allerdings erfährt z.B. gerade der US-Amerikanische Markt wieder einen Aufschwung. Zuletzt konnten wir gleich mehrere 64-Seiten LITHOMAN Anlagen verkaufen – es bleibt abzuwarten, ob auch dieser Markt in den nächsten Jahren konsolidiert und auf den High Volume Trend aufspringt.

Newspaper & Webtech: Wer trägt eigentlich mehr zum Ergebnis von manroland bei. Der Coldset- oder der Heatset-Bereich?

Alexander Wassermann: Wenn wir unser Geschäft – ein Volumen von circa 250 Mio. Euro – segmentieren, dann ist davon die Hälfte Service. Die anderen 125 Mio. verteilen sich auf Digital, Zeitung und Illustration. Der Serviceanteil wird dominiert von Retrofits in der Zeitung. Insgesamt würde ich sagen, dass das zwischen Heatset und Coldset recht ausgeglichen ist.

Newspaper & Webtech: Die Endstufe für den Digitaldruck – wohl ebenfalls eine Erfolgsstory. Lockt da nicht die Idee selbst auch Digitaldrucksysteme anzubieten. Kodak etwa hat lange einen Partner für die Prosper-Serie gesucht. Und da gab’s ja mit den Imprint-Systemen bereits Kooperationen… Warum haben Sie nicht zugeschlagen?

Alexander Wassermann: Wir haben Kooperationen mit HP und Kodak, die wir auch mit unserer Präsenz an der drupa 2016 untermauert haben. Es ist aber nicht unser heutiges Ziel in den Digitaldruck selbst einzusteigen, sondern ein Partner für alle Druckereien und Verlage zu sein, die in ihrem Geschäftsmodell digitale Printprodukte vorsehen. Wir sind der Partner, der integrierte Lösungen mit allen Digitaldruckmaschinenhersteller zusammen anbietet, die diese Geschäftsmodelle der Kunden am besten unterstützen. Dabei kommt es eben auch auf die digitale Falzlösung und den Workflow des Gesamtsystems an – und da sind wir sehr stark. Trotzdem, mit Possehl haben wir einen finanzstarken Gesellschafter, der auch aktiv den Einstieg in neue Geschäftsfelder vorantreibt – was hierbei zukunftsweisend ist, wird einer genauen Prüfung unterzogen. Es muss aber zu unserer DNA auch gut passen. Wenn das gegeben ist, werden wir sicherlich aktiv.

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